Tiefenlager in der Idylle

Exkursion der SVP Hüntwangen ins Haberstal, zum zukünftigen schweizerischen Tiefenlager für radioaktive Abfälle

27. April: Eine Million Jahre zurück sah die Landschaft im Zürcher Unterland anders aus, eine Ebene auf der Höhe des Üetliberges. Gletscher vier grosser Eiszeiten, Bäche und Flüsse formen seither Täler und Hügel zwischen Üetliberg und Irchel, kubikkilometerweise Gestein wird durch das Zürcher Unterland Richtung Rhein und Nordsee verschoben oder bleibt beim Rückzug der Gletscher als Schotter liegen. Unsere Menschenart gibt es noch lange nicht: Die ältesten Knochenfunde von Homo Sapiens sind 315’000 Jahre alt (Afrika). Und nun plant dieser Mensch ein Tiefenlager, das mindestens drei Mal so lange bestehen soll, wie seine eigene Art. Das stellt ein paar Herausforderungen.

Doch zuerst zum Haberstal: Ein kleiner, etwas versteckter Einschnitt im bewaldeten Ändberg zwischen Zweidlen und Windlach. Der idyllische Waldrand umrahmt ein Feld und eine Wiese. Ein Bauernhof am Eingang ins Tal, noch einer, ein bisschen weiter Richtung Windlach, ein dritter Hof, rund eineinhalb Kilometer weit über der Ebene vor dem Tal am nächsten bewaldeten Hügelzug, das Kieswerk dazwischen, zwei Strassen, sonst menschenleer. Wald, Wiese, Felder. Hier, mitten in der Landwirtschaftszone, wird der Bau für eine Million Jahre in zehn Jahren begonnen, der nächste Bauernhof wird weichen müssen.


Das Haberstal

Dr. Lukas Oesch, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Nationalen Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra), erklärt den 13 Teilnehmenden der SVP-Exkursion, wo später die drei Schächte zum Lager liegen werden. Man kann sich die Gebäude im Gelände vorstellen: Der erste Liftschacht für Bau und Unterhalt, der Zweite für die radioaktiven Abfälle und ein Lüftungsschacht. «Alles wird in rund 900 Meter Tiefe gebracht. Grössere Maschinen, zum Beispiel Lastwagen, werden auseinander und unten wieder zusammengebaut.» Dort unten entsteht ein Stollensystem innerhalb einer Ausdehnung von rund vier auf einen Kilometer: Ein Betriebsbereich unter dem Haberstal ungefähr in der Mitte, ein mit vielen schmaleren Stollen versehener grösserer Abschnitt Richtung Glattfelden für die Lagerung der hochradioaktiven Brennelementen aus Kernkraftwerken und ein kleineres Lager mit breiteren Tavernen für schwach- und mittelradioaktive Abfälle Richtung Stadlerberg. Die Aushubmenge, die an die Oberfläche muss, entspricht dem halben Gotthardtunnel, die Kosten, inklusive Rückbau der Kernkraftwerke, sollen 23 Milliarden betragen und sind im Strompreis enthalten.


Dr. Lukas Oesch erläutert das zukünftige Tiefenlager

Heute weisen ein paar verschlossene Schächte im Acker auf Bohrstellen. Zahlreiche Untersuchungen in den letzten Jahren, Bohren und Seismik, erkoren diesen Standort aus einer Auswahl von drei Standorten (mit im Rennen waren das Weinland und der Bötzberg) als am Geeignetsten. «Der Opalinuston, die für die Lagerung geeignete Schicht, hat hier die grösste Ausdehnung. Unten und oben schliessen zuerst andere Tonschichten an und erst dann, mit dem grössten Abstand von allen untersuchten Standorten, kommen ungeeignete Kalkschichten, die Wasser führen», erklärt Lukas Oesch. Für Sicherheit in der Zeitdimension, für welche das Tiefenlager gebaut wird, ist Geologie das wichtigste Kriterium.


Ein paar verschlossene Schachtdeckel erinneren an Bohrungen

Voraussichtlich 2031 wird es eine eidgenössische Volksabstimmung über die Rahmenbewilligung für das Tiefenlager geben, dann wird gebaut und ungefähr ab 2050 eingelagert. In 100 Jahren soll das Lager verschlossen werden, die Schächte verfüllt, und dann ist es einfach da. Für immer.

Nach dem Rundgang durchs Haberstal besuchten die Ausflugsteilnehmenden der SVP den neuen Aussichtsturm auf dem Stadlerberg. Bei einem wunderschönen Ausblick mit Alpenpanorama erläuterte Lukas Oesch die Geologie des Unterlandes, anschliessend genossen alle zusammen das Mittagessen im Hotel-Restaurant Kreuz in Kaiserstuhl.

Text und Bilder: Matthias Hauser, Vorstandsmitglied SVP Hüntwangen